Dieses Interview erschien im Juli 2026 zuerst im Blog der Lettrétage Berlin.
Woher kommt der Name „Literaturküche“ und was wird hier gekocht?
Zuerst war da unser Anliegen: Wir wollen mit Sprache experimentieren und Verständlichkeit fern von Dogmen denken. Wir wollen ausprobieren, statt feste Regeln zu befolgen.
Die Idee mit der Küche ist bei einem Workshop zu Literatur und Leichter Sprache entstanden. Wir haben mit den Teilnehmer*innen Mascha Kalékos „Rezept“ für unterschiedliche Zielgruppen in neue sprachliche und gestalterische Formen gebracht, mal als rotzig- umgangssprachlichen Text, mal mit Bildern oder in klassischer Rezeptform mit Zutatenliste. Dabei entstand der Gedanke: Wir sitzen hier gerade in einer Literaturküche. Eine Küche ist ein sinnlicher, kreativer Ort, an dem Dinge entstehen. Mal geht es streng nach Rezept, mal frei nach Schnauze. Genauso wollen wir mit Sprache umgehen. Und in der Küche finden die besten Gespräche statt – auch über Literatur.
Dazu kommt: Wir beide lieben es zu kochen, gerne auch gemeinsam. Diese Lust am Schnippeln, Abschmecken, am gemeinsamen Tisch und gutem Gespräch steckt für uns auch in guter Literatur. Aus Sprache lässt sich etwas anrichten, das nährt und verbindet, ganz gleich, wer sich dazusetzt.
Verständlichkeit ist nicht euer alleiniges Ziel. Worauf kommt es euch noch an?
Genau, Verständlichkeit ist die Eintrittskarte, nicht das Menü. Genauso wichtig ist uns, dass ein Text sinnlich wirkt, dass er berührt, dass er Lust auf die Geschichte macht. Dass er sensibel ist für Machtgefälle und Diskriminierung in ihren verschiedenen Formen. Und es geht auch nicht nur um Buchstaben – Gestaltung und Bilder sind ebenfalls zentral und machen noch mal ganz neue Zugänge möglich.
Diese Ansprüche stehen durchaus im Spannungsfeld. Poesie und Stiltreue auf der einen Seite, klare Verständlichkeit auf der anderen. Der Geschmack mancher Wörter gegen ihre Zugänglichkeit. Wir glauben nicht, dass sich das über feste Regeln auflösen lässt. Stattdessen tasten wir uns heran, gemeinsam mit den Menschen, für die die Texte gedacht sind. Ihre Rückmeldungen fließen direkt in die Arbeit ein, nicht als nachträgliche Kontrolle, sondern als Teil des Schreibens selbst. Genau in diesem Abwägen liegt der kreative Reiz.
Außerdem glauben wir: Demokratie braucht Literatur. Wenn wir gemeinsam lesen, zuhören und darüber ins Gespräch kommen, verständigen wir uns auch darüber, wer wir sind und wie wir zusammenleben wollen. Geschichten bieten uns verschiedene Perspektiven auf wichtige Fragen unserer Zeit, über die wir uns mit anderen austauschen können. Das macht uns empathischer. Und dabei sollen alle mitreden können.
An welche Zielgruppen richtet ihr euch?
Ein Text, der klar ist und trotzdem berührt, verbindet die geübte Leserin mit dem, der zum ersten Mal ein Buch aufschlägt. Unser Anliegen ist, Brücken zwischen ganz unterschiedlichen Menschen zu bauen. Die Veranstaltungen richten sich an alle, die Geschichten mögen. Ungeübte und geübte Leser*innen, Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geringer Literalität, Menschen, die Deutsch lernen genauso wie Literarturinteressierte allgemein.
Auf der anderen Seite möchten wir Menschen, die Literatur gestalten, dafür begeistern, mit inklusiver Kommunikation zu experimentieren: Autor*innen, Verlage, Illustrator*innen, Übersetzer*innen. Sie alle sollen sprachliche Einfachheit nicht als Einschränkung erleben, sondern als kreative Möglichkeit. Begrenzung als künstlerische Herausforderung und Kontakt mit verschiedenen Zielgruppen als Möglichkeitserweiterung.
Was waren eure Berührungspunkte mit dem Thema?
Inga: Über die spanische Gebärdensprache kam ich zum fremdsprachlichen Dolmetschen und Übersetzen und im Studium schließlich zur Leichten und Einfachen Sprache. Seit etwa acht Jahren brenne ich als freiberufliche Übersetzerin, Dolmetscherin und Trainerin für Leichte und Einfache Sprache. Schon als Kind habe ich sehr viel gelesen. Auf dem Klo, unter der Bettdecke und im Laufen. Und so ist es eigentlich immer noch. In der Corona-Zeit entstand dann die Idee, eine inklusive Online-Leserunde zu starten, um Menschen aus der Isolation zu holen und Literatur als gemeinsamen, sozialen Akt zu leben. Dazu kam eine Fortbildung zum kreativen Schreiben mit Menschen mit Lernschwierigkeiten, die mir zeigte, wie viel literarisches Potenzial in diesem Feld steckt.
Dorothea: Ich lese auch, solange ich denken kann, liebe Sprachen und Wortspiele und Diskussionen über Texte. Literatur macht mit anderen zusammen noch mal anders Spaß. Ursprünglich habe ich mal Politik- und Literaturwissenschaften und Literarisches Übersetzen studiert – Menschen und Texte, das zieht sich durch. Ich übersetze seit dem Studium und arbeite freiberuflich mit Gruppen, früher viel in der politischen Bildung zu Demokratie und Diversität. Über die Demenzerkrankung meines Vaters bin ich dann auf das Thema Leichte Sprache und Barrierefreiheit gekommen. Die Politikwissenschaftlerin in mir bekam ganz große Ohren, als sie hörte, dass etwa 30 Prozent der Erwachsenen in Deutschland Probleme mit komplexen Texten haben. Was heißt das denn für demokratische Teilhabe? Und wer hat eigentlich Zugang zu Literatur?
Als wir angefangen haben, zusammenzuarbeiten, rückte das Literarische dann immer stärker in den Mittelpunkt. Ein echter Höhepunkt war unser Panel „Literatur für alle?“ auf der Frankfurter Buchmesse 2023. Seitdem entwickeln wir gemeinsam immer neue Formate für inklusive Literatur und haben 2025 die Literaturküche als Experimentierraum für inklusive Literatur gegründet.
Übersetzen in Einfache Sprache vs. Übersetzen in Fremdsprachen
Literatur direkt leicht verständlich neu zu schreiben, ist sicher einfacher als das Übersetzen bereits existierender Texte. Ich habe kein Original, mit dem ich mich messen muss. Auch geht es uns um mehr als eine bloße Zusammenfassung, keine Beschreibung des Buffets, sondern die Möglichkeit verschiedene Geschmacksrichtungen tatsächlich zu probieren. Es gibt auf jeden Fall Parallelen mit dem Übersetzen aus Fremdsprachen. In beiden Fällen geht es nicht um Wort-für-Wort-Übertragung und im Idealfall ruft ein Text bei den Leser*innen die gleiche Wirkung hervor wie das Original (Stichwort „Wirkungsäquivalenz“). Der deutlichste Unterschied liegt im Grad der Freiheit: Beim Übersetzen in Einfache oder Leichte Sprache ist die Reduktion von Komplexität selbst Teil der Übersetzung. Es ist eine Herausforderung, dass ein Text dabei literarisch bleibt, und wir andere Mittel finden, um bestimmte Wirkungen zu erzeugen, etwa über Syntax oder Rhythmus. Das führt dazu, dass wir sehr bewusst über Aufbau und Struktur nachdenken, viel mit Zutaten, Zubereitungsweisen, Gewürzen und Geschmacksrichtungen experimentieren, wenn man so will.
Worauf kann sich das Publikum bei den Werkstatt-Gesprächen im September 2026 freuen?
Auf schöne Texte und spannende Gespräche. Am 1. September von Berliner Autor*innen verfasst, am 22. September von Literaturübersetzer*innen. Auf eine Veranstaltung über Einfache Sprache in Einfacher Sprache. Inga begleitet die Gespräche als Verstehens-Assistenz und Jona Neugebauer mit live gezeichneten Leichten Bildern, damit die Inhalte auch visuell zugänglich werden. Wir wollen Literatur und Geschichten über den Text hinaus erlebbar machen und Menschen ansprechen, die sonst vielleicht nicht den Weg zu Literaturveranstaltungen finden oder denken „das ist nichts für mich“. Gleichzeitig sind alle Literaturinteressierten willkommen. Wir wollen Raum für Begegnung und Austausch schaffen möglichst verständlich und barrierefrei und mit viel Lust an Sprache und Geschichten.